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VERTAN: Wahrheit, Schmarheit.

Wahrheit, Schmarheit.

Ein wichtiger User-Kommentar im Forum bei n-tv, den ich hier Dokumentiere und lesbar mache. Quelle: Bush@n-tv zum Thema Integration.

Eike schreibt am 02.09.2010 14:37

Wahrheit, Schmarheit. Ein Blick auf die von Sarrazin zitierten Studien beweist, daß er sie gar nicht gelesen haben kann. Die behaupten nämlich etwas völlig Anderes.

Z.B. nature.com – die jüdische Gene-Studie. Was besonders auffällt, ist die große genetische Ähnlichkeit von diversen jüdischen Gruppen und moslemischen Türken…

Oder was ist hiermit? Bildungsmotivation bei türkischen Familien besonders stark (Informationsdienst Wissenschaft)

Ein Blick auf die USA zeigt, daß Einwanderer bis zur dritten Generation oft anecken. Kurz gesagt: die Nachteile der Immigration zeigen sich umgehend, die Vorteile erst nach längerer Zeit. Aber wer die Nachnamen von in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. signifikanten US-Amerikanern betrachtet, der erkennt, daß die Vorteile immens sind. Welches ethnisch oder kulturell homogenisierte Land hat es andererseits zu etwa Großem gebracht?

Und zudem sei noch angemerkt, daß Sarrazin es selbst in der Hand hatte, als Berliner Finanzsenator für eine bessere Ausgabenpriorisierung zu sorgen – und es ziemlich umfassend vergeigt hat.

Es bleibt ein fauliger Geschmack angesichts des Umstands, daß Millionen Deutsche offenbar blind glauben, was man ihnen vorkaut, wenn es nur in eine Kontroverse verpackt ist. Und das dann unüberprüft als unbequeme Wahrheiten verbreitet wird, obwohl es nur dumme Lügen sind. Und daß dann, da diese Wahrheiten in aller Länge und Breite wieder und immer wieder abgespult wurden, Andersdenkende Sarrazin-Kritiker in diesem Fall gemobbt werden – schauen Sie mal im ZEIT-Forum, oder beim Spiegel! – und sich die Sarrazinfans auch noch penetrant als unterdrückte Minderheit gerieren. Und oft genug mit einer dermaßen mangelnden Beherrschung der deutschen Schriftsprache, daß einem übel wird. Sozioökonomisch Mittelschicht, aber intellektuell unterster Bodensatz. Jeder Achmed Messerstecher kann sich immerhin noch in zwei Sprachen unzureichend ausdrücken…

Da liegt wirklich etwas im Argen.

Warum wird in USA die Debatte anders und ohne auszuarten geführt? Nun, vielleicht liegt es daran, daß dort Einwanderung immer als etwas Normales, wenn nicht sogar als erstrebenswertes Ideal verstanden wurde. Wie ist an der Freiheitsstatue zu lesen:

Keep, ancient lands, your storied pomp! cries she
With silent lips. Give me your tired, your poor…

Natürlich eine Utopie. Aber es drückt eionen Anspruch aus, der so völlig anders ist als Sarrazins Thesen.

Mitteleuropa war immer bis ins späte 19. Jahrhundert von Einwanderung geprägt. Tacitus Germanen sind zum größten Teil weitergewandert – nach Frankreich, nach Spanien, bis nach Nordafrika! Die Vorfahren der heutigen Deutschen stammen aus ganz Europa, und darüber hinaus. Das ist eine wirklich unterdrückte Wahrheit: Hätte Deutschland sich immer so gegen Zuwanderung gesträubt, wäre es in einem Flickenteppich bedeutungsloser Kleinstaaten geendet – und einen auf hugenottischem Umweg von nordafrikanischen Seeräubern abstammenden Herrn Sarrazin würde man vergeblich suchen.

Und während der bundesdeutsche Konsument diesem den nicht unbedingt wohlverdienten Lebensabend versilbert, kratzt sich die Welt verwirrt am Kopf und fragt sich, welcher Rappel da wieder in diese komischen Teutonen gefahren ist.

Migration ist eine Tatsache. Was entscheidend ist, ist, wie sich eine Gesellschaft dazu verhält – ob sie Anpassung verlangt und zu erzwingen versucht, oder ob sie ein Zusammenwachsen geschehen läßt. Natürlich verändert Zuwanderung eine Gesellschaft. Aber das war immer so, und es hat als längere Sicht noch keiner Gesellschaft geschadet. Je weniger Aufhebens darum gemacht wird, desto besser.

Eine Gesellschaft, die auf universellen humanistischen Werte ruht und sich selbst sicher ist, braucht sich auch nicht vor den paar Fundamentalisten zu fürchten, die man sich zwangsläufig einfängt. Die USA wurden von Millionen streng katholischen Süditalienern und Iren und radikalen russischen Ghettojuden auch nicht umgebracht. Im Gegenteil: nach den unvermeidlichen Anfangsschwierigkeiten stand das Land stärker und reicher als je zuvor da. Und das, obwohl alle drei genannten Gruppen eine Zeit lang im organisierten Verbrechen tonangebend waren. Hat sich alles herausgewachsen, ohne daß man die Grenzen dichtmachen mußte. Zeit und Offenheit, das war alles was nötig war.

Man darf sich keine Illusionen machen: wer die Vorteile von Immigration ernten will, muß zunächst mal mit den Messerstechern umgehen. Aber die Alternative wäre, in der Mittelmäßigkeit einer weltfremden gleichförmigen Gesellschaft, ohne Impulse, ohne Energie, ohne Innovation zu versumpfen.

PS: Es sind nicht nur türkische Einwanderer; italienische haben genauso eine miese Demographie. Aber halt in Deutschland – anderswo nicht! Das Problem im Islam zu suchen, wird uns bei der Lösung der Probleme keinen Schritt weiterbringen.

Insofern ist Sarrazins Weg eine Sackgasse, die Probleme zwar aufzeigt, aber zu deren Lösung sich in Irrwegen verläuft. Und das ist gefährlich. Wie gesagt: Wenn er eine funktionierende Lösung hätte – warum ist die Situation in seinem Berlin denn so, wie sie ist? Warum konnte er mit der nicht unbeträchtlichen politischen Macht, die er hatte, nichts verbessern?

Weil er ein Scharlatan ist.

PPS: Was die Meinungsfreiheit angeht: Nein, wir haben in Deutschland KEINE völlige Meinungsfreiheit. Bestimmte Meinungen sind sanktioniert, und es gibt 6 Millionen gute Gründe dafür. Die USA können sich eine völlige Meinungsfreiheit erlauben – aber die sind ja auch ein Einwanderungsland aus Tradition. Da darf man dann auf offener Straße Naziparolen brüllen – und wird sehr schnell merken, daß eine offene Gesellschaft, die sich ihrer Multikulturalität nicht schämt, durchaus keine Polizei und Justiz braucht um solche Spinnereien ganz schnell in ihre Schranken zu weisen.


Wie gesagt, ein User-Kommentar, den ich hier nur Dokumentiere, sichere und etwas lesbarer mache. Quelle: Bush@n-tv

02.09.2010 von alogne